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Wirtschaft und Menschenrechte - Jahrbuch Global Compact Deutschland 2018

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AGENDA In der Realität

AGENDA In der Realität wird das „Wasser“ von Stufe zu Stufe der Kaskade immer weniger. Der Handy-Hersteller zum Beispiel sagt zum Lieferanten seiner direkten Vorprodukte: „Bitte kein Blut-Kobalt!“ Der Lieferant fordert das von seinem Lieferanten, dieser wiederum gibt es weiter an seinen Kobalt-Händler, der es seinem Großhändler aufträgt, welcher das Kobalt vom afrikanischen Staatsunternehmen bezieht, das ein Problem hat: Es bekommt aus unterschiedlichen Minen sowohl sauberes wie auch blutiges Kobalt. Doch wie viel wovon woher stammt, lässt sich nach Anlieferung und gegebenenfalls unter Einwirkung der regional üblichen Korruption und politischen Einflussnahme kaum feststellen. Also wird alles Kobalt als „sauber“ deklariert und die Kaskade hochgeschickt: Das blutige Kobalt und mit ihm die Menschenrechtsverletzung wird im Handy verbaut. Und wir telefonieren damit. Diesem Fehler begegnet aktuell zum Beispiel Apple mit der Strategie, den Mittelsmann zu umgehen: Apple will sein Kobalt direkt von der Mine beziehen, in die es dann auch im Idealfall direkt hineinschauen kann. Die Kaskade wird verkürzt: kurze Kaskade, gute Kontrolle. Man braucht noch nicht einmal zu warten, bis der Fehler passiert ist. Man kann und sollte das schon vorher machen. Und wenn man schon vorher weiß, dass Regeln verletzt werden? Eine britische Studie deckte auf: 71 Prozent der Unternehmen glauben, dass es wahrscheinlich ist, dass Menschenrechtsverletzungen zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem komplexen Lieferantennetzwerk stattfinden. Man kann in den meisten Gütern unserer modernen, globalen Wirtschaft also davon ausgehen, dass irgendwo in der Supply Chain Zwangsarbeit oder eklatante Sicherheitsverstöße oder andere Missstände versteckt sind. Beispiel E-Mobilität. E-Autos brauchen Lithium-Ionen-Akkus, die wiederum Kobalt benötigen. Bei einem Smartphone sind das noch ca. zehn Gramm. Bei einem Auto dagegen fünf bis zehn Kilogramm. Kobalt stammt zu 60 Prozent aus der Demokratischen Republik Kongo mit ihren zwar nicht durchgängigen, aber allgemein bekannten Menschenrechtsverstößen wie Zwangsund Kinderarbeit und unwürdigen Arbeitsbedingungen. Wer also Kobalt bezieht – und beim zu erwartenden E-Auto-Boom werden das Zehntausende von Tonnen sein – der kann fest davon ausgehen, dass Menschen dafür bluten müssen. Und nicht im übertragenen Sinne. Es sei denn, • man bezieht, wie erwähnt, direkt aus der Mine und kontrolliert sie als Hersteller selber. • Man kauft ausschließlich bei zertifizierten Minen mit einem glaubwürdigen, keinem Marketing-Zertifikat. • Man lässt die Mine von dritter, unabhängiger Seite zertifizieren und auditieren – also nicht unbedingt von den eigenen Mitarbeitern des Herstellers. Diese Maßnahmen erscheinen simpel, haben es aber in sich: Seit 2016 hat sich der Kobalt-Preis vervierfacht. Die Sicherstellung der Beschaffung aus sauberen Minen ist dabei natürlich besonders teuer. Das gilt auch für andere saubere Materialien. Wenn bei den herrschenden Preiskämpfen auf den Endverbraucher-Märkten sich ein Hersteller also zu dem Bezug und der Sicherstellung von sauberen Materialien entschließt, bezahlt er im Sinne des Wortes teuer dafür. Und sollte dafür gelobt werden. Tut die Politik das? Die Presse, das Internet? Tun wir das? Nein, wir bestrafen den Hersteller im Gegenteil sogar noch, indem wir den Kauf verweigern, wenn das saubere Produkt auch nur einige Cent teurer ist als das Konkurrenzprodukt, für das Menschen bluten. Umso dringender sollte die Politik den Einsatz von sauberen Vorprodukten gesetzlich vorantreiben. Umso dringender sollten wir Konsumenten uns im Internet kundig machen, an welchen unserer Einkäufe Blut klebt. Und umso dringender sollten Unternehmen selber darauf achten und nicht auf den nächsten Shitstorm warten, der sie weitaus mehr kosten kann als die Wahrung der Menschenrechte. Was tun bei Asymmetrie im Markt? Was können wir Kunden schon gegen die großen Konzerne ausrichten? Die sind doch viel mächtiger als wir! Sie wissen auch mehr als wir. Wobei gerade diese Informations-Asymmetrie in den letzten Jahren radikal abgenommen hat: dem Internet sei Dank. Schon 20 Minuten lockerer Google-Recherche sagen jedem Nutzer mehr über jede Supply Chain als 20 Jahre Konsum von TV-Werbespots. Das gilt auch für die Macht-Asymmetrie. Gerade einige Handy-Hersteller erlebten in den letzten Jahren so heftige Shitstorms nach eklatanten Verletzungen der Menschenrechte bei ihren Lieferanten, dass in der Folge zwar keine Arbeiterparadiese entstanden, sich aber vieles stark 26 globalcompact Deutschland 2018

MENSCHENRECHTE verbessert hat. David kann sehr wohl etwas gegen Goliath ausrichten. Wenn er den Hintern hochkriegt. Das ist das Problem. Dieses Problem illustriert ein zugegebenermaßen krasses Beispiel aus Kalifornien. Dort sind Unternehmen durch die des „California Transparency in Supply Chains Acts“ gesetzlich verpflichtet, darüber zu berichten, was sie für die Einhaltung der Menschenrechte in ihrer Lieferkette tun. Wer nicht veröffentlicht, wird bestraft. Also kommen viele Unternehmen der gesetzlichen Publikationspflicht nach, indem sie sinngemäß folgende Meldung veröffentlichen: „Was die Menschenrechte angeht, so unternehmen wir nichts“. Kein Scherz! Was schon schlimm genug ist. Aufrichtigkeit danken. Wir sollten ihm eine zweite Chance geben und ihm eher vertrauen als einem Mitbewerber, der zwar auch Leichen im Keller hat, aber gerissen genug ist, diese in aller Stille zu beerdigen oder weiter zu verschweigen. Wir sollten das vor allem bei Produkten praktizieren, bei deren Rohstoffen und Vorprodukten das Risiko einer Menschenrechtsverletzung überwältigend groß ist. Wir sollten etwas für unsere Zeit recht Absurdes tun: Wir sollten beginnen, Ehrlichkeit, Transparenz und Aufrichtigkeit nicht nur zu fordern, sondern auch zu belohnen. Gemacht wird, was belohnt wird. Es kommt noch schlimmer: Nichts passiert nach der Veröffentlichung. Kein Umsatzeinbruch, kein Shitstorm, keine öffentliche Entrüstung. Der Endkunde kauft einfach munter weiter. Wir sind (mehrheitlich) nicht besser als die Rechtsbrecher, die wir mit unserem Verhalten decken. Wie ehrlich darf ein Unternehmen sein? Angenommen, ein Unternehmen findet nach reiflicher Recherche heraus, dass der Lieferant eines Lieferanten eines Lieferanten die Menschenrechte verletzt. Soll das Unternehmen das publik machen mit der gleichzeitigen Ankündigung, den Missstand umgehend zu beheben? Und die übliche, reflexhafte Politik-, Medien- und Internet-Empörungshysterie über sich ergehen lassen, die immer nur den Missstand geißelt und völlig übersieht, dass dieser erst entdeckt werden muss, bevor er behoben werden kann? Anders gefragt: Wer ist schon ehrlich, wenn Ehrlichkeit bestraft wird? Warum wohl sind sämtliche Wirtschaftsskandale der letzten Zeit erst nach Jahren an die Öffentlichkeit gedrungen? ÜBER DIE AUTORIN Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Supply Chain Management, an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Wenn ein Unternehmen so ehrlich ist, Verletzungen der Menschenrechte in seiner Lieferkette öffentlich zu machen und nachvollziehbare Besserung anzukündigen, sollten wir Hysterie und Häme zügeln und dem Unternehmen für seine globalcompact Deutschland 2018 27

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